Last Updated: 7. August 2023Schlagwörter: , ,

Für So viel Meer unterwegs war

Reetgedeckte Friesenhäuser? Keine Spur davon auf Norderney. Die Insel zeigt sich elegant und urban, mit weißen Villen, stilvoller Bäderarchitektur. Kirsten Rick von „Freundin von Welt“ flanierte durch die Straßen und die Geschichte des Seebades.

Die Nordseelandschaft gibt sich monochrom: Das Grau des Himmels geht nahtlos in das Grau des Meeres über. Doch nach etwa einer Dreiviertelstunde beruhigend tuckernder Fährfahrt zeichnet sich eine Insel am Horizont ab. Weiße Gebäude und ein heller Streifen Strand blitzen auf: Norderney.

Die lang gestreckte Ostfriesische Insel wirkt, auf der Karte betrachtet, kopflastig: Der Westzipfel ist bebaut, gen Inselosten wird die Besiedelung dünner und hört dann irgendwann ganz auf. Der Inselwesten präsentiert sich geradezu urban, „Stadt Norderney“ nennt sich der einzige Ort. Hier dominiert – wenn man von ein paar Bausünden der 1960er-Jahre absieht – historische Bäderarchitektur. Über hundert Häuser im Stadtgebiet stehen unter Denkmalschutz.

Norderney, die jüngste der Ostfriesischen Inseln, ist gleichzeitig das älteste deutsche Nordseebad, gegründet 1797. Im Sommer 1800 wurde das Seebad offiziell eröffnet, 250 Kurgäste kamen im ersten Jahr. Wegen fehlender Unterkünfte hausten manche in mitgebrachten Zelten. Noch waren viele Insulaner – meist Fischer und Seefahrer – skeptisch bis ablehnend, manche warfen Steine auf die Seebadeanstalt. Doch bald entdeckten sie die Gäste als willkommene Einnahmequelle.

Illustre Gäste und edle Häuser

Prominenz und Adel reisten an. Und als König Georg V. von Hannover 1851 seine Sommerresidenz nach Norderney verlegte, setzte ein Bauboom ein, der bis 1900 andauerte.

Am Kurplatz entfaltet sich die volle Pracht der Bäderarchitektur: Wie illustre Gäste bei einem eleganten Empfang stehen das Conversationshaus, das „bade:haus“ und das Basargebäude um die Rasenfläche herum, das Kurtheater hält sich ein wenig abseits. Ein Blick hinein lohnt sich: Das 1894 eröffnete Theater, vom Architekten Johannes Holekamp nach dem Vorbild des Opernhauses in Hannover errichtet, ist innen pompös und glamourös, an rotem Samt wurde nicht gespart. Genau das Richtige für einen stilvollen Kinoabend! Zum Beispiel beim Internationalen Filmfest Emden/Norderney im Juni.

Blickfang und Star der Runde ist das Conversationshaus mit den Arkaden und dem Türmchen in der Mitte. Das Haus hat eine reiche Geschichte, diente es doch dem hannoverschen Königspaar als Sommerresidenz.

Mit der lichtdurchfluteten Lobby ist es inzwischen das Wohnzimmer, die gute Stube der Insel. Besonders schön: die golden schimmernde Bibliothek, in der die Regale bis unter die Decke reichen und wo ich mir in einem der Ledersessel eine Pause gönne. Neben der Tourist-Information ist hier auch der Souvenirshop mit dem etwas sperrigen Namen „Meine Insel – der Laden“ untergebracht. Ich stöbere in den Regalen voller Insel-Produkte und kaufe etwas Thalasso-Seife mit echtem Nordseeschlick.

Badehaus im BauhausStil

Das ist sozusagen meine mentale Vorbereitung auf den Besuch im „bade:haus“, dem strahlend weißen Gebäude in schnörkellosem Bauhausstil gleich nebenan.

Hier schwappt Salzwasser in allen Becken, das salzigste im Solebecken, es hat ungefähr die Konzentration des Toten Meeres. Das 1931 errichtete Badehaus ist Europas ältestes Meerwasserwellenbad. Der ursprüngliche Bauhausstil wurde bei den jüngsten Renovierungen wiederhergestellt. Auf den 8000 Quadratmetern wirkt nichts wie profanes Schwimmbad. Die Böden sind grau, die Wände, wo es geht, weiß. Blau-türkises Quietschdesign findet man nicht, das Auge ruht. Der Naturstein fühlt sich unter den Füßen angenehm sanft an, im Feuerbad, einem zum Himmel offenen ehemaligen Treppenschacht, zieht das Wolkenkino über mich hinweg, während ich umspült von 40 Grad warmen Wasser entspanne.

Das geht zu jeder Jahreszeit. „Saison – so etwas gibt es bei uns nicht“, sagt Margret Grünfeld, Marketingleiterin der Staatsbad Norderney GmbH. 30 Prozent der Gäste kommen in den zweieinhalb Sommermonaten, der Rest verteilt sich aufs Jahr. Norderney ist eben eine „Ganzjahresinsel“.

Ich spaziere Richtung Nordstrand, vorbei an schmucken Fassaden. Dass der Bäderbetrieb sich zu einer lukrativen Einnahmequelle für die Insulaner entwickelte, ist an zahlreichen Anbauten zu sehen. Die Zimmer der eigenen Wohnhäuser wurden an die Badegäste vermietet, und die mussten ja irgendwo frühstücken. Eine Veranda war die Lösung.

Das Kurtheater ist Spielort des Filmfestes

Eine der schönsten Fassaden hat die Villa Felicitas im Damenpfad. Was ist das überhaupt für ein merkwürdiger Straßenname? Einen Herrenpfad gibt es auch. Das hat etwas mit den früheren Sitten zu tun: Gebadet wurde züchtig, nach Geschlechtern getrennt. Badekarren brachten die Gesellschaft in die Fluten. Und dann gab es noch den Steg, auf dem die Damen der Gesellschaft einst zum Meer gingen, ohne sandige Füße zu bekommen.

Die Reste dieses alten Steges finden sich an den Wänden des Hotels Seesteg. Für das High-End-Haus mit dem Sterne-Restaurant haben die Brüder Jens und Marc Brune – der eine Architekt, der andere Hotelier – den ehemaligen Lagerschuppen des Steges umgebaut. Der Einfluss der Brunes ist nicht unwesentlich, weitere Häuser in der Nachbarschaft gehören zum Familienunternehmen: das Haus am Meer und das Inselloft sowie die Milchbar und die Marienhöhe. Für das Inselloft wurden vier historische Villen – klassische weiße Bäderarchitektur – zusammengelegt und die alten Veranden zu einem Arkadengang geöffnet. Dort folge ich dem köstlichen Duft und finde eine Bäckerei, die hand- und hausgemachtes Brot und leckere Blechkuchen anbietet. Daneben ein Weinladen mit Deli und der Designshop 1837.

Die Brunes sind übrigens nicht nur Hotelgestalter, sondern auch „Zimmerzauberer“. Marc Brune verrät mir seinen Lieblingstrick: „Der größte Zimmerzaubertrick ist in meinen Augen der, in jedem Zimmer das Bett so auszurichten, dass das Erste, was man beim Aufwachen und das Letzte, was man beim Einschlafen sieht, das Meer ist. Denn alles, was mit diesem Naturschauspiel in Verbindung steht, ist für die Menschen, die zu uns kommen, reine Faszination, Beruhigung und Erfüllung.“ Typisch für die Brune-Hotels sind große Fensterflächen zum Meer hin – man thront erhaben über der Nordsee.

Das Meer sehen kann man auch wunderbar von den hölzernen Thalasso-Plattformen, zu denen ich radele. Das sind kleine architektonische Schmuckstücke. Mein Favorit ist die Plattform am Dünensender mit ihren drei drehbaren Korbsesseln, in die ich mich windgeschützt einkuscheln kann.

Ich überlege, wo ich essen werde. Die Auswahl an spannender Gastronomie ist groß. Mit bunter Einrichtung und bunten Gerichten lockt das Restaurant Oktopussy. Weiter draußen die wiederbelebte Meierei und das schon legendäre Ausflugslokal Weiße Düne. Oder das Restaurant Strandpieper an der Oase. Höre ich da was von „Syltisierung“? Wer das befürchtet, vergisst Norderneys Seebadgeschichte. Bereits Fontane bemerkte, dass die Insulaner sich „ihre Luft gut bezahlen lassen“. Doch damit hatte er streng genommen unrecht: Die „Luft war und ist, ebenso wie das Meer, immer noch gratis. Man spricht zwar gern von „Champagnerluft“, weil sie so gesund und prickelnd ist – aber das ist, zumindest hinsichtlich des Preises, irreführend.

Nach dem Essen zieht es mich wieder an den Strand. 15 Kilometer meergesäumter Inselbühne erstrecken sich an der Nordküste. Schmal noch in „Stadtnähe“, Richtung Osten immer breiter werdend.

Beinahe in der Inselmitte liegt der Leuchtturm, etwa eine halbe Stunde mit dem Rad von der Stadt entfernt. Mit etwa 54 Metern (plus fünf Meter Laternenhaus) ist der achteckige Backsteinturm das höchste Bauwerk der Insel. Seine Besonderheit: Er hat das einzige linksdrehende Leuchtfeuer an der deutschen Nordseeküste. Es ist beeindruckend, abends unter dem Turm zu stehen und den Strahlenkranz langsam über den dunklen Himmel wandern zu sehen.

Vom Leuchtturm ist es nur noch ein Stück zum „letzten Parkplatz“, dem Ostheller. „Ab hier bitte zu Fuß“ steht auf dem Holzschild. Dahinter liegt die Wildnis, ungefähr ein Drittel der Insel. Eine Dünenlandschaft mit struppigem Gras, unberührt. Ein starker Kontrast zur eleganten weißen Bäderarchitektur am anderen Ende der Insel, das jetzt so fern wie eine andere Welt erscheint.

Eine Ode an den Milchreis: löffelweise Wohlgefühl

Cremig macht er sich in der Schale breit. Unter der dicken Schicht aus Zimt und Zucker wartet ein sanft-süßes Universum. Sämig-weich und doch sind die einzelnen Rundkornreiskörner noch zu erkennen. Schwer liegt der gefüllte Löffel in der Hand. Gleich erfüllt ein Geschmack von Kindheit, von unendlichen Sommerferien den Mund und durchzieht warm und wohlig den ganzen Körper. Nichts gegen ein Stück Kuchen oder ein Eis, aber: Auf Norderney krönt man einen Tag mit einer Schale Milchreis.

Der wird fast überall serviert – und natürlich in der Milchbar. Der Pavillon, 1910 als Buch und Zeitungsladen errichtet, wurde 1935 mit einem Anbau erweitert und zur „Milchbar am Meer“. Hier wurden regionale Molkereiprodukte verkauft. Die Milchbar ist inzwischen eine Insel-Institution, ihr Markenzeichen ist der Milchreis. Zwölf Tonnen davon werden hier jedes Jahr frisch angerührt – mit einem sehr großen Löffel.

Norderney hatte einst, wie fast jede der Ostfriesischen Inseln, eine Meierei. Die gibt es immer noch, nur ist sie jetzt ein Lokal, Meine Meierei (wo es natürlich auch Milchreis gibt). Die Milch kommt heute vom Festland, Milchwirtschaft wird seit 1978 nicht mehr auf Norderney betrieben. Auch wenn die Kühe fort sind: Der Milchreis erfreut sich auf der Insel ungebrochener Beliebtheit.

Ich genieße meine Schale Wohlfühlglück auf einem Logenplatz über dem Meer, auf der Terrasse der Marienhöhe. Diesen Pavillon ließ Königin Marie von Hannover zu Ehren von Heinrich Heine errichten. „Ich liebe das Meer wie meine Seele“, fand der Dichter heraus, als er von der Anhöhe auf die Nordsee blickte. Und ich liebe den Milchreis – er ist ein Gedicht!

Milchreis

Milchreis gibt es auf Norderney unter anderem in der Milchbar, milchbar-norderney.de, auf der Marienhöhe, marienhoehe-norderney.de, und bei Meine Meierei, meine-meierei.de

Ein Kultort auf der Insel: die Milchbar. Auch hier gibt‘s lecker Milchreis. Der Pavillon wurde 1910 als Buch- und Zeitungsladen errichtet und später mit einen Anbau zur „Milchbar am Meer“ erweitert. Unten: Das Conversationshaus mit seinen Arkaden und Türmchen ist der architektonische Star am Kurplatz.

Leuchtturm Norderney

Höchstes Bauwerk der Insel: der Leuchtturm. Es lohnt sich, den 54 Meter hohen Turm zu besteigen. Euch erwartet ein einzigartiger Blick über Norderney und das Weltnaturerbe Wattenmeer.

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