Last Updated: 29. August 2023Schlagwörter:

Für So viel Meer unterwegs war

Greetsiel steht für die Krabbenfischerei wie kein anderer Ort in Ostfriesland. Um einen Einblick in diese Welt zu bekommen, ist Reisebloggerin Tanja Neumann alias „Vielweib“ mit Kapitän Ubbo Looden und seiner „Nordstern“ rausgefahren – und kam begeistert zurück.

„Moin!“ ruft mir Ubbo zu und lädt mich mit einem Nicken ein, auf sein Schiff zu kommen. Die Ostfriesen schnacken nicht viel. Kurz und bündig. Aber herzlich sind sie. Ich sehe das Lächeln in Ubbo Loodens Augen und freue mich sehr auf die heutige Schiffstour mit seinem Krabbenkutter.

Heute scheint die Sonne nicht, dafür schimmert der Ohrring des Kapitäns in der Sonne auffallend gülden. Wir Frauen stehen ja auf alles, was blinkt und glitzert. Interessiert komme ich näher. Auch sein Crew-Mitglied Udo hat so einen golden Ohrschmuck. „Das haben wir Seebären so!“, ruft er mir lachend entgegen und dreht sich stolz zur Seite, damit ich sein Geschmeide besser bewundern kann. An seinem Ohr baumelt tatsächlich eine Miniaturausgabe eines Krabbenkutters in der Größe eines 20-Cent-Stücks. „Früher hatten das alle Seeleute. Wenn sie im Meer umgekommen sind und an Land gespült wurden, dann war der Schmuck das Geld und die Garantie dafür, dass man unter die Erde kommt.“ Ob das Seemannsgarn oder purer Ernst ist, kann ich in Udos Augen bei seinem verschmitzten Lächeln nicht ablesen, aber die Geschichte gefällt mir.

Ubbo rückt derweil die Stühle an Deck zurecht. Die „Nordstern“ GRE18 ist sein zweites Schiff. Während sein Sohn auf seinem ersten Kutter auf Krabbenfang geht, ist die „Nordstern“ ein umgebautes Schiff, auf dem Hobby-Matrosen wie ich Platz nehmen dürfen. Die Schiffsnetzanlagen, Sortiervorrichtungen und so manches Fischerutensil wurden entfernt. Dafür können wir es uns auf Stühlen an Deck bequem machen, dabei immer das Meer und den Kapitän in seiner Kajüte im Blick.
Ein frischer Wind kommt auf und ruck, zuck werden wir gefragt, ob wir Decken oder einen heißen, starken Kaffee möchten. An Bord des Krabbenkutters gibt es keinen Service wie auf anderen Schiffen. Hier kocht der Kapitän noch selbst den Kaffee und Getränke stehen auf einem Tisch zur Selbstbedienung bereit, daneben eine Spendenbox – ganz unkompliziert wie alles an Bord.

Meinen Blick in die Regenwolken quittiert der Seemann Ubbo mit einem Schulterzucken. Überhaupt ist man hier an Bord der „Nordstern“ sehr optimistisch. Ich entdecke tatsächlich zwischen den vielen Sachen für die Gäste am Tisch eine Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50.

Gerade nachdem ich den gut 15 Meter langen Holzkutter inspiziert habe, wirft Ubbo den Motor an und wir verlassen gemächlich tuckernd den Greetsieler Hafen. Der historische Hafen ist über 600 Jahre alt. Früher lagen hier vor allem Schiffe aus Hamburg vor Anker und hatten Zoll zu entrichten. War es einst ein Handelshafen, entwickelte sich Greetsiel im 19. und 20. Jahrhundert immer mehr zu einem Fischereihafen. Die Nordseekrabbe oder Granat, wie die Einheimischen sagen, wurde schon damals hauptsächlich hier gefischt.

Udo übernimmt das Steuer, während die alten malerischen Häuser, die den Hafen säumen, langsam hinter uns kleiner werden. Kapitän Ubbo gesellt sich zu uns und erzählt interessante und spannende Geschichten über seine Heimat und zur Krabbenfischerei. Mit 25 Krabbenkuttern und zwei Schiffen zum Muschelfang beheimatet Greetsiel die größte Kutterflotte Ostfrieslands und ist damit einer der größten deutschen Kutterhäfen. Das Ubbo mal ein Teil davon sein würde, hat der Kapitän sich als kleiner Junge nicht träumen lassen. Seekrank war er und mulmig sei es ihm als Kind an Bord des Schiffs gewesen, wenn er mit seinem Vater und Großvater aufs Meer fuhr. Aber früher wurden Jungs nicht lange gefragt. Einfach öfter raus aufs Meer fahren und sich daran gewöhnen, war Großvaters Devise.

Plötzlich schaukelt es auf der „Nordstern“. Wellen schwappen an die Bordwand. Ubbo grüßt winkend das vorbeiziehende Schiff. Greetsieler Granatfischer laufen in ihren Hafen ein, den Bauch des Schiffs mit frischem Fang gefüllt. Dann schweigen wir. Jeder hat sein Plätzchen an der Reling oder auf einem Gartenstühlchen gefunden. Wir genießen den ostfriesischen Moment an Bord, fahren an Naturschutzgebieten vorbei, sehen Salzwiesen und grüne Inseln so weit das Auge reicht. Einzige Bewohner sind zahlreiche Vogelarten, die wie es scheint, sich gerade um Brutplätze kümmernd zuhauf zwischen Meer und Land tummeln.

Bald haben wir die Schleuse Leysiel erreicht. Sie trennt den Greetsieler Hafen von der offenen Nordsee und macht ihn dadurch tideunabhängig. Ebbe und Flut bleiben quasi vor den Schleusentoren. Was von außen klein aussieht, zeigt sich mir beim Schleusen als riesig. Bis zu acht Kutter könnten hier gemeinsam Platz finden. Majestätisch schließen sich die Tore Richtung Greetsiel, während sich wenige Minuten später auf der anderen Seite die Tore zur Nordsee öffnen und uns in die offene See freigeben. Wir verlassen die windgeschützte Schleuse. Kaum schaukelt der Kutter aufs offene Meer, zeigt uns die Natur, was sie kann. Der Wind peitscht, die Gischt spritzt an die Reling. Fast jauchze ich wie ein Kind. Mir macht Seegang riesig Spaß!

Udo macht sich bereit, das Fischernetz auszuwerfen. Breitbeinig wie eine Matrosin versuche ich mir Halt zu verschaffen, um alles mit der Kamera festzuhalten. Granat wird am Meeresboden mit Schleppnetzen gefangen. Dabei laufen Rollen am Grund vor dem Netz, das verscheucht die Fische und unerwünschten Beifang, animiert zeitgleich Krabben ins Netz zu gehen, erklärt uns Udo.
Möwen kreischen über uns ihre Melodie, haben wohl noch nicht verstanden, das wird ein Krabbenkutter ohne fette Ausbeute werden. Ubbo fischt mit seiner „Nordstern“ nämlich nur zu Showzwecken für uns. Das, was Udo uns nach ein paar Runden mit dem Kutter auf der Nordsee als Fang an Bord ziehen wird, dürfen wir als Leichtmatrosen des Tages bewundern und bekommen die Geheimnisse der Meerestiere erklärt.

Neugierig umringen wir das rote Auffangbecken, wo Udo uns seinen Fang des Tages präsentiert. Wir entdecken Krebse, bestaunen eine kleine Flunder, die uns ins Netz gegangen ist und sehen für die kurze Zeit, in der das Netz im Meer war, erstaunlich viele Krabben vor uns hin und her flitzen. Als wir alles genug bestaunt und begutachtet haben, werde die Fische und Meerestiere wieder der See freigegeben. Ubbo nimmt wieder Kurs auf Greetsiel.

Eben haben wir den Granat noch schwimmend beobachtet, jetzt wird uns ein Teller mit frischem gekochten Granat gereicht. Den hat Ubbo heute Morgen extra für uns eingekauft. Jetzt lernen wir, wie man richtig pult. Ich bin schon ganz neugierig, wurden meine bisherigen Bemühungen nie so richtig von Erfolg gekrönt. „Man sagt mir nach, dass ich eher Krabben pulen als laufen konnte“, erzählt uns Ubbo wieder einen Schwank aus seiner Jugend und beschreibt, wie der Alltag einer Fischerfamilie damals aussah. Granat pulen war hauptsächlich Frauenaufgabe. Während die Männer auf See waren, pulten sie mit Kindern und Großeltern. Das begehrte Krabbenfleisch wurde in umliegende Dörfer verkauft. Ich staune, wie jeder Griff der Profis sitzt. Da wird ein bisschen am Schwänzchen gewackelt, anschließend das Köpfchen gedrückt, etwas geruckelt und schon ist die Krabbe fachmännisch gepult. Bei Udo läuft das prima – bei mir noch nicht. Ich übe fleißig auf dem Kutter, freue mich über kleine Erfolge und freue mich noch mehr, wenn bei den geschickten Händen des Fischers die eine oder andere Krabbe auch für mich übrig bleibt. Das Aroma ist fantastisch! Frischer Granat, eine besondere Delikatesse.

Dass gepulte Krabben ihren Preis haben, wird mir nach der Arbeit an Deck der „Nordstern“ sehr deutlich. Leider werden die meisten Nordseekrabben heute immer noch zum Pulen nach Marokko transportiert, um dann gepult in unsere Geschäfte zu gelangen. Der Kunde nimmt das in Kauf, achtet auf den Preis. Beim Krabben- und Fischhandel de Beer am Ortsrand von Greetsiel kaufe ich mir nach meiner Kutterfahrt frische Nordseekrabben, die direkt in Greetsiel gepult wurden. Sie kosten fast das Doppelte, aber sie schmecken wirklich um Längen besser! An Bord erzählt mir Ubbo, dass eine junge Unternehmerin aus Ostfriesland eine Krabbenpulmaschine neu entwickelt hat, die das Pulen mittels Ultraschall sehr schonend durchführt. Er ist gespannt, was die Entwicklung bringt und wer weiß, vielleicht gibt es dann künftig vermehrt Krabben hinter der Ladentheke, die Ostfriesland nie verlassen haben.
Mein kurzer Ausflug auf der „Nordstern“ hat sich intensiv nach Urlaub angefühlt. Ubbo und Udo begleiten ihre Gäste auf wundervolle Art in das Weltnaturerbe Wattenmeer und nehmen sie mit auf eine faszinierende Reise durch die Welt der Krabbenfischerei. Als wir in den Hafen von Greetsiel einlaufen, bin ich ein bisschen wehmütig von Bord zu gehen. Nickend verabschieden wir uns. Zu viele Worte müssen nicht sein. Wir verstehen uns auch so. Ein Lachen und die Liebe zum Meer verbinden.

Lust auf Krabbenbrötchen?

In ganz Ostfriesland gibt es viele gute Adressen, um frischen Granat zu kosten. Ich gestehe: Ich habe mir in Greetsiel jeden Tag ein Krabbenbrötchen gegönnt – Genuss pur!
Bei de Beer gibt es alles aus einer Hand: fischen, verarbeiten, liefern, verkaufen und servieren. Die Auslage in der Theke sieht mit viel frischem Fisch sehr verlockend aus.

Zu empfehlen sind die frisch gepulten Krabben des Hauses. Kultig ist die Fischbude im alten Hafen. Direkt mit Blick auf die Krabbenkutter genießt man seinen Fisch-Happen am Wasser.

Im Restaurant „fest land“ genieße ich guten Wein und dazu einen klassischen Krabbenburger, der vom Küchenchef modern interpretiert ist. Da wird der Granat nicht auf Brot, sondern zwischen zwei Kartoffelpuffern serviert und mit Spiegelei gekrönt.

Zum Nacherleben:

Greestieler Hafen
Ubbo Looden
Natur pur

Vorbei an Salzwiesen und grünen Inseln geht es mit der „Nordstern“ raus aus Greetsiel.

Schaufischen

Udo lässt das Fanggeschirr herunter, um den Gästen ein paar Krabben zu zeigen.

Fangfrisch und noch roh

Die begehrten Nordseekrabben, in Ostfriesland Granat genannt, werden normalerweise an Bord gekocht und bekommen dann ihre typische Farbe.

Auch ein paar kleine Fische und Krebse sind im Auffangbecken gelandet – und gehen kurz darauf wieder zurück ins Meer.

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