Last Updated: 27. Juni 2023Schlagwörter:

Für So viel Meer unterwegs war

Zweimal im Jahr ist Ostfriesland mit seinem weiten Himmel ein Hotspot für Vogelfans. Und auch Laien auf diesem Gebiet fragen sich: Was flattert denn da? An den Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gibt es jedes Jahr im Oktober viele Infos und spannende Ausflüge zu Wasser und an Land. Die Zwillinge von „Travelinspired“, Kathrin und Kristin Haase, waren im Wangerland mit dem „Watt’n Express“ unterwegs und sind bei Sonnenaufgang durchs Watt zur Vogelschutzinsel Minsener Oog gewandert. Ein echtes Abenteuer!

Tiefblau spiegelt sich der Himmel in der Nordsee. Ein laues Lüftchen weht und die Sonne scheint uns ins Gesicht. Was für ein wunderbarer Tag am Wattenmeer in Ostfriesland! Ein Schwarm Alpenstrandläufer bietet uns eine grandiose Flugshow. Je nach Richtung glitzert die Wolke aus fliegenden Vögeln weiß oder silbern in der Sonne. Sowieso ist richtig was los im Watt und in der Luft.  Und genau deshalb sind wir hier: zu den Zugvogeltagen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.

Jedes Jahr in der zweiten Oktoberwoche finden zahlreiche spannende Veranstaltungen rund um die Zugvögel und ihren wichtigen Rastplatz, das Wattenmeer, statt. Wattwanderungen, Vorträge, Vogelexkursionen zu Fuß, per Fahrrad, Bahn und Schiff stehen auf dem Programm. Begleitet werden sie von versierten Vogelkundlern und Nationalpark-Rangern, die viele Fakten anschaulich und spannend erklären. Vorkenntnisse sind für die Teilnahme nicht notwendig. Es ist aber durchaus möglich, dass man hinterher von den Vögeln und dem faszinierenden Lebensraum Wattenmeer so begeistert ist, dass man mehr erfahren möchte. So ging es uns jedenfalls. Wir sind inzwischen richtige Vogelfans geworden und waren dieses Jahr bereits zum dritten Mal bei den Zugvogeltagen an der niedersächsischen Küste.

Was sind Zugvögel?

Zugvögel ziehen zweimal im Jahr von ihren Winterquartieren zu ihren Brutgebieten und wieder zurück. Die typischen Zugvögel brüten im hohen Norden in der Arktis. Spätestens mit dem ersten Schnee machen sie sich auf den weiten Weg nach Süden zu ihren Winterquartieren in Afrika. Die gesamte Strecke, die die Zugvögel dabei zurücklegen, ist bis zu 10 000 Kilometer lang. Einige Arten rasten unterwegs nur ein einziges Mal, und zwar im Wattenmeer. Deshalb gilt das Wattenmeer als Drehscheibe des Ostatlantischen Vogelzugs. Auf ihren langen Etappen sind die Vögel nonstop unterwegs, ohne Schlaf und Nahrung. Unglaublich faszinierend, was die kleinen Tiere leisten! Wenn sie dann im Wattenmeer ankommen, sind sie völlig entkräftet und müssen dringend ihre Energiereserven für die nächste Etappe auffüllen. Dazu futtern sie sich in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Fettreserven an. Einige verdoppeln dabei sogar fast ihr Gewicht. Das Wattenmeer ist also eine Art Tankstelle mit einem reich gedeckten Tisch.

Für Zugvögel ist das Wattenmeer ein reich gedeckter Tisch, den sie auf ihrer langen Reise benötigen, um ihre Energiereserven wieder aufzufüllen.

Wo sind die besten Plätze, um Zugvögel zu beobachten?

Es gibt viele schöne Plätze am Wattenmeer, um Zugvögel zu beobachten, sowohl auf dem Festland als auch auf den Ostfriesischen Inseln. Zu den besten Spots auf dem Festland gehören für uns der mobile Vogelbeobachtungsturm am Vareler Watt und der Hafen von Horumersiel im Osten sowie der Pilsumer Leuchtturm und das Naturschutzgebiet Leyhörn im Westen von Ostfriesland. Während der Zugvogeltage findet man am Vogelbeobachtungsturm am Vareler Watt und am Pilsumer Leuchtturm auch Vogelexperten mit Spektiven, durch die man die Vögel noch besser beobachten kann.

Viel Wissenswertes über Zugvögel im Wattenmeer erfährt man auf zahlreichen Info-Tafeln wie zum Beispiel am Vogelturm in Varel.

Auf Tour mit dem  „Watt‘n Express“

Zu den Ausflügen, die wir dieses Jahr unternommen haben, gehört eine vogelkundliche Fahrt mit dem „Watt‘n Express Frida“ ab Horumersiel. Von der Ortsmitte geht es mit der Bimmelbahn über den Deich zum Hafen und dann außendeichs direkt am Wasser entlang bis zum Strand nach Schillig. Unterwegs halten wir mehrfach, um in Ruhe die vielen Vögel zu beobachten, die bei Hochwasser an der Wattkante und auf den angrenzenden Flächen rasten. Die Vogelfachleute der WAU (Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz) stellen Spektive auf, durch die wir besonders die kleineren Vögel sehr gut beobachten können. Ein Highlight ist beispielsweise ein Kiebitzregenpfeifer, der es sich zwischen den deutlich größeren Austernfischern auf den Buhnen gemütlich gemacht hat. Außerdem haben wir das Glück, noch einen Löffler zu entdecken. Die meisten von ihnen sind schon Ende September nach Süden aufgebrochen. Ansonsten wimmelt es nur so von Vögeln im Watt. Hunderte von Säbelschnäblern, Großen Brachvögeln, Rotschenkeln, Brandgänsen und Möwen können wir in aller Ruhe beobachten. Und auf den Wiesen beim Campingplatz in Schillig tummeln sich die sonst eher selten auf dem deutschen Festland zu sehenden Ringelgänse. Wir sind im Vogelrausch!

„Watt´n Express“

Frühmorgens durchs Watt nach Minsener Oog

Deutlich aktiver ist unser zweiter Ausflug: eine Wattwanderung zum Sonnenaufgang zur Vogelschutzinsel Minsener Oog, die östlich von Wangerooge an der westlichen Jademündung liegt. Am frühen Morgen treffen wir unseren Wattwanderführer und die anderen Teilnehmer am Parkplatz in Schillig. Es ist noch dunkel und Nebel hängt in der Luft. Besorgt erkundigen wir uns, ob wir so überhaupt loswandern können. „Kein Problem, der Weg ist leicht zu finden“, so die Antwort unseres Führers. Im Gänsemarsch geht es hinaus ins trockengefallene Wattenmeer. Zur Sicherheit halten wir uns alle an einem langen Seil fest, damit niemand im Nebel verloren geht. Ohne Führer im Watt herumzuirren, wäre wirklich gefährlich. Eingehüllt in eine Wolkenwand haben wir in alle Richtungen nur flaches Watt vor der Nase. Gut, dass es Kompasse gibt, die einem die Richtung weisen.

Es fühlt sich herrlich an, wieder Watt unter den Füßen zu haben. Auch wenn es um diese Jahreszeit zugegebenermaßen sehr kalt ist. Der Himmel über uns verfärbt sich leicht, während es langsam hell wird und sich die Wolken ein wenig lichten. Wir dürfen das Seil loslassen und erfahren bei einer Pause mehr über die Zugvögel, die das Wattenmeer als Rastplatz nutzen.

Minsener Oog sehen wir aber erst, als wir schon kurz vor der Insel stehen. Leider haben die Vogelwärter, die das Sommerhalbjahr hier verbringen, die Insel schon verlassen. Schade, wir hätten gern mehr über ihre Erlebnisse und ihre Arbeit erfahren. Einige tiefe Priele gilt es, auf dem Weg durchs Watt zu durchqueren. Zwei sind auf dem Rückweg so tief, dass uns das Wasser bis weit über die Knie reicht und die Eltern ihre Kinder schon huckepack nehmen müssen. Ein Abenteuer! So eine Wattwanderung im Herbst ist nichts für Weicheier. Gut 14 Kilometer in fast sechs Stunden haben wir auf unserer Tour hinüber zur Minsener Oog zurückgelegt.

Die Wattwanderung nach Minsener Oog wird im herbstlichen Morgennebel zum besonderen Erlebnis.

Tipps zum Vögel beobachten

Es sind zwar das ganze Jahr über Zugvögel im Wattenmeer zu beobachten, besonders viele Vögel sind aber zu den Hauptzugzeiten im Frühling und Herbst unterwegs. Auch die Gezeiten spielen eine Rolle. Von den Vogelbeobachtungstürmen und anderen Plätzen an Land hat man im Zeitraum von zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach Hochwasser die besten Chancen, die Vögel im Watt aus der Nähe zu sehen. Denn dann nutzen sie noch die letzten offenen Wattflächen vor den Salzwiesen und Deichen zur Nahrungssuche, bevor auch diese überspült werden. Anschließend warten sie das Hochwasser an sogenannten Hochwasserrastplätzen ab, wo sie sich oft dicht gedrängt in großen Gruppen versammeln. Das kann man zum Beispiel sehr schön am Hafen in Horumersiel beobachten. Zu den Watvögeln dort gehören Steinwälzer, Rotschenkel und Großer Brachvogel.

Unabhängig von den Gezeiten lassen sich große Zahlen an Gänsen in Salzwiesen, Poldern und Marschen beobachten. Möwen trifft man oft am Strand, Kormorane und Eiderenten an Buhnen. Die Chancen für Reiher und Enten sind auf Seen und Teichen besonders gut.

Wichtig beim Vögel beobachten ist es, darauf zu achten, sie nicht zu stören, denn jede Störung bedeutet einen Energieverlust. Passiert dies einmal, kann der Vogel es noch ausgleichen. Viele Störungen können dagegen dazu führen, dass er es nicht schafft, sich genügend Reserven für den langen und anstrengenden Weiterflug anzufuttern. Ein Fernglas und eine gute Kamera mit viel optischem Zoom sind also hilfreich, um die Vögel aus respektvollem Abstand gut beobachten zu können.

Besonders viele Vögel kann man während der Hauptzugzeiten im Frühjahr und im Herbst bei der Rast im Wattenmeer beobachten.

Wir hoffen, wir haben euch Lust auf die Faszination Zugvögel gemacht! Wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja nächstes Jahr im Oktober am Wattenmeer?

Während der Zugvogeltage ist die ostfriesische Halbinsel ein Paradies für Vogelbeobachter.

Steinwälzer

Ob am Himmel, im Watt oder an Land sind Tiere beliebte Fotomotive.

Naturerlebnis Küste. Wer auch bei Wind und Wetter mit Fernglas und Kamera in den Dünen und am Meer unterwegs ist, findet faszinierende Motive.

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